Der Briedeler Friedhof

- Gottesacker - Kirchhof -

Hermann Thur 7/2013

 

Der Friedhof als Begräbnisstätte der Gläubigen lag in frühen Zeiten um die Kirche herum, woher auch der Name Kirchhof herrührt. Gerade die mittelalterlichen christlichen Gemeinden bestatteten ihre Toten im Zentrum der Lebenden und nicht wie in früher Zeit außerhalb der Siedlungsflächen. Aus der gesegneten Erde sowie der Nähe zum Allerheiligsten der Kirche erhoffte man sich eine prunkvollere Auferstehung. Nichtchristen und Selbstmörder z.B. durften hier nicht beerdigt werden, diese wurden außerhalb der Ortsmauern begraben. Ein Friedhof um die Kirche war auch ein Hinweis auf eine eigenständige Pfarrei. Diese Verpflichtung, alle Christen in geweihter Erde im Umkreis der Kirche zu bestatten, wobei stets ein Priester dabei sein musste, hatte auch hygienische Gründe. Hier wurden dann die wilden und verstreuten Gräber zusammengeführt. Die Risiken schlechter Verwesung oder der Trinkwasserverseuchung, insbesondere während der vielen Pestepidemien, sollten damit kontrollierbar werden.

Der Kirchhof war viele Jahrhunderte lang nicht nur Ruhestätte für die Toten sondern auch teilweise Mittelpunkt des Gemeindelebens. So z.B. ist überliefert, dass das Dorfgericht "unter freiem Himmel im Schatten der Kirche" tagte. Er erfüllte vielfältige kultische Funktionen und das Benehmen hier war durch Tabus und Vorschriften geregelt, deren Bruch teils hart bestraft wurde. Auch heute noch erfüllt der Friedhof nicht nur als letzte Ruhestätte, sondern auch als Ort der Trauerbewältigung und Erinnerung eine wichtige Funktion. Als stille Zone hilft er uns in der hektisch lauten Zeit bei der Besinnung auf die Endlichkeit unseres Lebens.

Viele frühe Kirchen und Kapellen wurden auf Keltenfriedhöfen über den Gräbern errichtet. Zweck war dazu, die alten Verehrungen dieser Plätze auf das neue Gotteshaus zu übertragen. Ob dies auch in Briedel der Fall ist, kann nur vermutet werden. Archäologische Beweise sind, wenn vorhanden, spätestens 1774 beim Bau der jetzigen Kirche verloren gegangen. Nur auf der Briedeler Heck sind uns einige keltisch/römische Grabfelder erhalten geblieben, die, wie die geborgenen Funde nachweisen, von ca. 600 v.C. bis etwa 400 n.C. über 1000 Jahre lang kontinuierlich belegt wurden.

Während zur Zeitenwende die Feuerbestattung usus war, setzte sich in unserem Kulturkreis mit der Zeit die Erdbestattung durch. In letzter Zeit tendiert man aber wieder zur Feuerbestattung, wobei der Platzbedarf und die Kosten ausschlaggebend sind. Die uralte Sitte der teils wertvollen Grabbeigaben ist aber völlig in Vergessenheit geraten. So fällt es späteren Archäologen schwer, die Zeiten zu bestimmen und Erkenntnisse über das Leben der Verstorbenen zu erhalten.

In der Briedeler Zehntordnung von 1154 ist bereits festgelegt, dass die Friedhofumfassung und Mauern vom Zehntherren aus den Zehnteinnahmen zu bauen und zu unterhalten seien.

1758 notiert Pfarrer Maurus Schmitz bei seiner Ankunft in Briedel über den Friedhof: "...fast alle Einwohner waren von einer pestilenzischen Seuche heimgesucht, viele waren schon gestorben. Der Friedhof war damals sehr klein, und die Parochiani (Pfarrangehörigen) hatten die Gewohnheit, die Verstorbenen meistenteils in ihre Familiengräber zu begraben, welche öfter zu früh eröffnet wurden. Man begrub oft schon vor der Zeit der Ablage der Gräber, was neue Gefahren bei mangelnder Verwesung in sich barg..."

Er notiert weiter: „ Um die Leute in Ihrer Einfalt zu steuern, und obwohl es einer erneuten Benediction nicht bedurfte, weihte ich aufs neue ein gutes Stück vom Palmbusch und ein Stück vom Wasen, der zu meinem Garten gehet, wie auch die Erde, welche hinter der Kirchentür, wo gegoste Aepelbieren stehen bis zu dem alten am Berg hängenden Haus". Schon am 2. März 1759 segnete er einen neuen Teil hinter Kirche als Begräbnisplatz ein. Der ursprüngliche Teil war also der nach der "Kehrstraße" gelegene Platz. Die Erweiterung betraf Teile der unteren Etage und des alten Kirchhofs.

Durch den Neubau der Kirche, die gegenüber der alten wesentlich größer und auch in der Ausrichtung verändert war, kam der Friedhof in große Unordnung und viele Gräber mussten umgelegt werden (jetzt untere Terrasse). 1777 wurde der Bauschutt um die Kirche weggeräumt. Durch starkes Bevölkerungswachstum war aber auch der neue Teil des Friedhofs bald zu klein.

1840 konnte die Zivilgemeinde über dem Kirchhof einen Garten ankaufen, der nun den Ausbau der oberen 3. Etage ermöglichte. In diesem Zusammenhang wurde auch die mittlere (zweite) Etage „wo früher nur Gestein und Gestrüpp, welches man Ölberg nannte.." erschlossen, in dem man die beiden Mauern errichtete und die Treppen anlegte. Die Einsegnung erfolgte 1842 durch den extra dazu bevollmächtigten Dechanten.

Auf der 3. Terrasse wurde dabei auch ein großes gusseisernes Friedhofskreuz aufgestellt, das noch heute weithin sichtbar über die Gräber schaut. Ein sandsteinernes ca 3 m hohes Friedhofskreuz aus dem Jahre 1736 stand zuletzt am Eingang des alten Kirchhofs direkt an der Kirchenmauer. Es wurde dort 1945 durch Grantbeschuss schwer beschädigt und danach entsorgt.

Der Hinweis des Pfarrers auf die schlechte Verwesung und zu frühe Wiederbelegung wirft für die Zeit der Pest die Frage auf, wo und wie wurde damals bestattet? Das Kirchenbuch nennt uns für 1635/1636 101 verstorbene Gläubige innerhalb von 15 Monaten. Die uns bekannte Friedhofsfläche hat da für Einzelbestattungen sicherlich keine ausreichende Kapazität gehabt, denn die normale Sterberate betrug damals ca. 10 Personen jährlich. Die Lage des Friedhofs oberhalb von Kehr und Sünd und die darunter liegenden Hausbrunnen bargen das Risiko, dass infizierte Verwesungssäfte ins Grundwasser, und damit in den Lebenskreislauf zurückgeführt wurden. Recht früh errichtete daher die Gemeinde öffentliche Wasserbrunnen, die mit sauberem Quellwasser gespeist wurden. Auch mussten die Gräber tief genug sein, um Ratten den Zugang zu verwehren, denn diese waren ja die Hauptüberträger des Pestbazillus.

Da in der Gemeinde keine Protestanten waren, so hat man es unterlassen, eine Abteilung für Nichtkatholiken abzugrenzen. Noch nach 1867 wurden zwei protestantische Leichen nicht auf dem Kirchhof, sondern, wie es auch bei ungetauften Kindern üblich war, in den Weg nach der Kehrstrasse bestattet.

Die französische Revolutionsregierung hatte alle Kirchhöfe, die bis dato Kirchenvermögen waren, zu Staatseigentum erklärt und den Zivilgemeinden übertragen. Sich widersprechende Dekrete der späteren Besatzungstruppen sprachen nur von einer Verwaltung durch die Zivilgemeinde, nicht jedoch vom Eigentumsübergang. Zahlreiche Prozesse um das Eigentumsrecht zogen sich in preußischer Zeit durch alle Gerichtsinstanzen, bis die Kirche letztendlich durch den Staat gezwungen wurde, Eigentum und Verwaltung an die Zivilgemeinden abzugeben. Auch der Briedeler Pfarrer widersetzte sich lange. Bezugnehmend auf eine „geheime Instruktion" des Ministeriums in Berlin aus 1831, in der die heikle Eigentumsfrage bewusst ungeregelt blieb und auf die Gerichte verwiesen wurde, sowie der Tatsache, dass es keinen Bereich für Nichtkatholiken gab und es sich daher um einen reinen katholischen und damit kirchlichen Kirchhof handelte, wollte er noch 1877 mit aller Macht das Eigentum der Pfarrei sichern.

Die alte Kirche war zu klein geworden und viele Gläubige standen während des Gottesdienstes draußen auf dem Kirchhof. Dieses Geschwätz und Rumlaufen störte so sehr, dass der Pfarrer 1843 den Kirchenrat überzeugte, dass die in der Kirche ja teilweise „verkauften" Stühle, sofern sie bei Gottesdienstbeginn noch nicht besetzt waren, von den anderen Gläubigen benutzt werden durften. Der Aufenthalt auf dem Kirchhof wurde dabei mit zum Teil hohen Strafen belegt, die man aus alten und ungeliebten französischen Dekreten herleitete.

1928 erfolgte eine weitere Ausdehnung im oberen Bereich, bis die Flurbereinigung 1978 dann endlich eine Arrondierung und großzügige Ausweitung des Friedhofs zu seinem heutigen Aussehen ermöglichte. Auf 5 Etagen, die durch 115 Stufen verbunden sind, finden die Briedeler nun ihre letzte Ruhestätte. In diesem Zusammenhang erfolgte auch die Erschließung des oberen Teiles mit einer Straße sowie einer Wasserentnahmestelle (mit den Basaltbecken des alten Freiheits-Brunnens) und Grüngutabfallentsorgung.

Der älteste Teil, der "kleine Kirchhof" links neben der Kirche, wurde nach 1987 völlig aufgehoben, nachdem er schon vorher verkleinert wurde, um Parkplatz zu schaffen und die Zufahrt zu Kirche und neuem Pfarrhaus zu verbreitern.

Die Tendenz zu mehr Feuerbestattungen reduziert heute den Platzbedarf durch die kleineren Urnen-Grabstellen. Auch die Bestattung der Urnen in noch in der Ruhefrist befindliche Familiengrabstätten, teils um zusätzlichen Pflegeaufwand zu minimieren, aber auch der Rückgang der Sterbefälle infolge der kleineren Wohnbevölkerung, führt vermehrt zu Freiflächen. Die Gemeinde bemüht sich, durch einheitlichen Abbau nach Ablauf der Ruhefristen und konzentrierte Neubelegung, die Entstehung von unschönen Ecken zu vermeiden und die Freiflächen zu pflegen.

Neben den Reihengrabstätten (Einzelgräber) werden auch Wahlgrabstätten (meist Doppelgräber als Familiengrabstätte) bereitgestellt. Dazu kommen dann Urnengrabstätten (als Reihengrab) sowie die Möglichkeit, Urnen in bestehende Gräber von Familienangehörigen zu bestatten, sofern die Ruhefristen ausreichen. Neu ist ein Rasengrabfeld für Urnenbestattungen, auf dem lediglich durch eine eingelassene Namensplatte auf den Verstorbenen hingewiesen wird. Die Pflege dieser Fläche erfolgt durch die Friedhofsverwaltung. Eine Trennung zwischen katholischen und andersgläubigen oder atheistischen Verstorbenen gibt es nicht mehr.

Die Anfertigung des Grabes und das Tragen der Leiche war anfänglich Sache der Nachbarn des Verstorbenen. Seit 1875 hat die Gemeinde einen Totengräber angestellt, der das Grab macht.

Der Verstorbene wurde früher in seiner Wohnung aufgebahrt und der Sarg in einer Prozession zum Friedhof getragen, bzw. später mit einem Handwagen gefahren. Dieser letzte Ehrendienst war den Nachbarn vorbehalten. Der Bau einer Leichenhalle konnte 1907 mangels "ungünstiger Vermögenslage" der Gemeinde nicht in Angriff genommen werden. Erst 1970 erfolgte deren Bau unterhalb des Friedhofs auf dem Gelände der alten Parf (des 1949 abgerissenen alten Pfarr- und Schulhauses). 2012 wurde sie bereits wieder profanisiert, da kein Bedarf mehr daran bestand. Denn heute wird die Aufbahrung und der Transport von einem Beerdigungsinstitut mit bezahlten Kräften durchgeführt, da die Nachbarn wegen ihrer Auswärtstätigkeit oft nicht am Ort sind und auch die Familien und Bindungen kleiner wurden.

Die einzelnen Grabstellen wurden früher mit schlichten Holzkreuzen ausgestattet, später wurden Gusseisenkreuze verwandt und heute sind es überwiegend Steinkreuze bzw. Steinplatten. Aus dem 17./18. Jahrhundert sind uns noch einige Basaltgrabkreuze überliefert, die Familiengrabstätten der Honoratioren schmückten.

Die Angehörigen schmücken die Gräber immer mit frischen Blumen, sodass der Friedhof ein schönes Bild abgibt. An Allerheiligen ist dann Großauflauf, alle treffen sich am Grab ihrer Angehörigen und der Pfarrer geht segnend durch die Reihen.

Fünf Soldaten, die bei den Kämpfen 1945 in Briedel ums Leben kamen, wurden zunächst auf unserem Friedhof beerdigt. Nach Errichtung der Heldengedenkstätte Prinzenkopf bei der Marienburg wurden sie nach dort umgebettet.

Der Friedhof ist zusammen mit der Kirche als Gesamtensemble zum Kulturdenkmal erhoben worden.

Quellen:
Ortschronik Briedel
Pfarrchronik Briedel
Lagerbuch BAT 71,139,363
Friedhofsakte BAT 71,139,60