Rottwirtschaft und Lohschälen

auf der Briedeler Heck

Hermann Thur, (c) 2011

 

Schon seit altersher nutzen die Menschen die Häute und Felle der Tiere als Kleidung und auf andere vielfältige Arten. (Zelte, Fenster, Decken, Transportbeutel etc.).

Um die natürlichen Felle geschmeidig und haltbar zu machen, mußten diese bearbeitet, d.h. gegerbt werden. Dazu eignete sich die säurereiche Baumrinde der Eichen besonders gut.

Die gereinigten und enthaarten Felle und Häute wurden in ca 2x2x2 m großen Gruben gelegt. Dabei wechselten sich eine Lage Felle mit einer Lage Eichenholzrinde ab. Die Grube wurde dann mit Lohebrühe (Wasser, in dem kleinegehackte Lohestücke eingeweicht und ihnen so der Gerbstoff entzogen wurde) aufgefüllt. Der Gerbvorgang dauerte dann je nach Lederstärke und vorgesehenem Verwendungzweck 5 bis 18 Monate.

Die großen gemeindlichen Eichen-Niederwälder auf der Briedeler Heck eigneten sich besonders gut für die Rottwirtschaft, auch Schiffelwirtschaft genannt. Schon aus dem frühen Mittelalter sind uns Nachrichten über die Lohegewinnung bei uns überliefert.

Das infrage kommende Briedeler Gemeindeland war in 10 Banne (Abteilungen) eingeteilt.
Zwei- bis dreijährlich wurde nun ein Bann in gleichgroße Parzellen aufgeteilt und unter alle Bürger mittels Losverfahren verteilt, später versteigert.

Im Frühjahr, wenn die Stämme gut im Saft standen, schälten nun die Männder die Eichenrinde mithilfe von speziellen Lohmessern von dem jungen Gehölz ab. Die Schälarbeit erforderte Ausdauer, Kraft und Geschick, um die Rinde gleichstark und in möglichst gleichgroßen Stücken abzulösen. Die Lohmesser hatten an einem Ende eine Spitze, mit der der Stamm aufgeritzt wurde und am anderen Ende einen Löffel, der hinter die Rinde geschoben und diese damit abgelöst wurde. Dünnere Aststücke wurden, soweit brauchbar, auf anderen Stangen weichgeklopft, sodass man die Rinde leicht ablösen konnte. Die Rindenstücke wurden zur Trocknung auf Gestelle aufgeschichtet. Später im Herbst wurde die Lohe dann ins Dorf zu der großen Lohgerberei gebracht und dort weiterverarbeitet. Diese Lohmühle im Briedeler Bachtal war bis zu einem großen Brand Anfang des 1. Weltkrieges in Betrieb. Danach wurde die Eichenlohe bis ca 1955 mittels der Eisenbahn verladen und verschickt.

Die verbleibenden Stangen wurden als Weinbergspfähle genommen bzw. als Brennholz genutzt und die kleineren Äste an Ort und Stelle verbrannt. Die Asche diente als Dünger und zwischen den Wurzelstöcken, die bei hoher angedrohter Strafe nicht beschädigt oder entfernt werden durften, baute man drei Jahre lang abwechselnd Roggen, Kartoffeln und Hafer an, anschließend durfte noch ein oder zwei Jahre Heu geerntet werden. Danach fiel die Fläche wieder braach und die ausgetriebenen alten Wurzeln konnten zu neuem Niederwald heranwachsen.

Durch die Gemarkungsaufteilung in 10 Banne und den ca 20jährigen Nutzungsrythmus stand den Bürgern immer ausreichend und regeneriertes Ackerland zur Verfügung.

Da die Lohfelder oft 15 km vom Ort entfernt lagen bleiben die Lohschäler meist eine ganze Woche in den zu rodenden Feldern. Den benötigten Proviant schleppten Sie mit Ihrer Reiz (Kiepe) auf dem steilen Weg die Sünd hinauf mit. Dabei übernachtete man in Schollenhütten, die aus den geschälten Eichenstämmchen zusammengezimmert und mit Moos und Rasenballen (Schollen) regensicher abgedeckt waren. Die Unterstände waren in einen Vorraum mit Feuerstelle - bei guten Wetter wurde natürlich draußen gekocht (gegrillt) - und einem Schlafraum. Abends nach getaner Arbeit setzten sich dann die Väter und Söhne der vielen Familien zusammen, tranken ihren Flubbes und erzählten sich gegenseitig Geschichten und Erlebnisse. Viel historisches Wissen ist auf diese Weise von Generation zu Generation weitergetragen worden. Geübte Schäler konnten bis zu 20 Mark am Tag verdienen, während die ungeschickteren nur einen kläglichen Hungerlohn erreichten. Die jungen Burschen lockerten die Einsamkeit auch dadurch auf, dass sie abends in die naheliegenden Hunsrückdörfer zogen und nach den Mädchen Ausschau hielten. Das war verständlicherweise von den dortigen Junggesellen gar nicht gerne gesehen.

Aber diese gemeinschaftliche Waldnutzung verlief nicht immer glatt. So weisen uns veschiedene Einträge in der Briedeler Chronik auf Streitigkeiten und Diskussionen hin. Bei der Parzellierung der Banne entstanden sicherlich auch desöfteren unterschiedlich nutzbare Parzellen und die Ergebnisse der Verlosung scheinen auch nicht immer wiederstandslos hingenommen worden zu sein.

1863 wüteten die Windschweine in den Getreideflächen, sodaß jeder nutzungsberechtigte Bürger verpflichtet wurde, mehrere ganze Nächte hindurch in den Rottländereien zu wachen und das Wild zu vertreiben.

Ein starkes Wachstum der Bevölkerung im 19. Jhd. führten zu einer Verknappung von Getreide und Kartoffeln. Die Rottwirtschaft wurde daher reduziert und große Flächen für dauerhaftes Ackerland gerodet. Ein Distrikt wurde 1897 zur Anlage von Weinbergen an die Bürger verkauft. Die schlechte Lage bedingte aber bald wieder das Braachfallen.

Auch die in Briedel zeitweise rege Weidewirtschaft erzwang die Freigabe eines Rottdistriktes für die Anfang des 20. Jhd. stark staatlich initierte Ziegenzucht.

Im Zuge der deutschen Weinkrisis wurde ab 1900 eine Stärkung der Lohrindenkultur als gewinnbringende Ersatzkultur für den bedrängten Winzerstand gefordert. Das mittlerweile eingesetzte amerikanische Quebrachoholz würde die Felle beim Gerben stark beanspruchen, wodurch die Qualität des Leders leide. Dies und die Einfuhrkosten führten zu einem schweren Schaden für das deutsche Volk. Mitte 1914 lehnte der Gemeinderat noch eine Regierungsforderung nach einer Steigerung der Loheproduktion aus Arbeitskräftemangel ab. Wenig später jedoch wurden schon Kriegsgefangene zum Loheschälen eingesetzt und die Flächen komplett gerodet und danach aber dauerhaft in Ackerland umgewandelt.

1926 wurden große Rottländereien an den preußischen Staat zum Bau einer Musterdomäne verkauft. Weitere Flächen wurden dann später vom Reichsarbeitsdienst gerodet und die Bauernsiedlerstellen auf der Briedeler Heck errichtet.

Die Basis für eine planmäßige Rottwirtschaft war dann aufgrund der geringen Flächen nicht mehr gegeben. Während des zweiten Weltkrieges stieg noch einmal der Bedarf an Eichenlohe, da die alternativen chemischen Mittel nicht zur Verfügung standen. Um 1955 war dann an natürlicher Lohe keine Nachfrage mehr und die Lohegewinnung wurde mangels wirtschaftlicher Chancen eingestellt.

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