Urkunde vom Weinzehnt in Briedel

 

Text: Wolfgang Diederich

 

Es ist eine allgemein verbreitete Eigenschaft von uns Menschen, das unsere Phantasie besonders zur Befriedigung unserer Habgier weit zu schweifen vermag. Ob uns dieses Streben letzten Endes zum Nutzen gereicht, bedarf einer weiteren Betrachtung. Eine Briedeler Urkunde aus dem Jahre 1154, die das Kloster St. Trond bei Lüttich gegen „Steuersünder“ verfasste, schildert es ebenfalls sinngemäß so;
Jeder Winzer, der sich frevelhaft verhält und gegen die Anordnung verstößt, wird exkommuniziert und eines Tages als Bösewicht vor dem jüngsten Gericht erscheinen.

Viele Briedeler Winzer waren damals Hörige des Klosters St. Trond, dem bis 1263 der große Fronhof an der Mosel gehörte. Also waren sie dem Kloster gegenüber zur Zahlung verschiedener Abgaben wie z. B. der Grundpacht und dem Zehnten verpflichtet.
Der  Zehnte war ursprünglich eine freiwillige Abgabe frommer Juden zur Unterhaltung des Tempels in Jerusalem. Als Pippin, der Vater Karls des Großen, um 750 geistliche Güter im großen Umfang einzog und Vassallen zu Lehen gab, führte er im Ausgleich dazu den Zehnten als eine Art von „Kirchensteuer“ für den Untertanen seines Reiches ein.

Nach der Weinlese ging der Hofmann des „Mönchshofs“ in Briedel mit seinen Knechten in Begleitung des Pfarrers und des Bürgermeisters von Haus zu Haus und verlangte den zehnten Teil der Ernte.

Einige entrichteten für den frommem Segen, den ihnen der Pfarrer, ein Mönch aus St. Trond, spendete. Als er die Abgabe vollständig erhalten hatte, gerne den fälligen Tribut. Andere hingegen waren weitaus mehr auf das eigene irdische Wohl bedacht. Sie sträubten sich gegen die Zahlung und drückten sich mit Ausreden um einen großen Teil ihrer Verpflichtung. Als eine wahre Gotteslästerung empfanden es die Patres, das manche Winzer überhaupt nichts hergaben. Ebenso diabolisch trieben es auswärtige Winzer, die Lehenswingerte in Briedel erworben hatten. Sie wagten es geradezu aufmüpfig, die „Zehntsteuer“ anzufechten.

Um nun alle schwarzen Schafe in seiner christlichen Herde von solchen Missetaten abzuhalten und vor Übel zu bewahren, erdachte sich der gute Hirte aus St. Trond, der Abt Gerhard, gemeinsam mit dem Konvent des Klosters ein neues System, den Weinbauern den gesamten Zehnten ihres Ertrages abzunehmen.
Seit 1154 nahm sich das Kloster  seinen Anteil bereits während der Ernte im Weinberg, wo eine unmittelbare Kontrolle möglich war und der abgesandte Mönch wie das allgegenwärtige Auge Gottes auf Erden die besten Trauben erspähte, deren erlesene Briedeler Weine den vornehmen Gaumen der Patres mundeten.